Mit 86 noch auf der Laufstrecke
Bad Segeberg. Als die Ehrung beim Volkslauf in Bad Segeberg anstand, wurde es für Irmgard Seiffert noch einmal besonders. Bei den Frauen klaffte zwischen ihr und der nächstälteren Teilnehmerin ein Altersunterschied von 21 Jahren. „Dann kommt lange nichts“, erinnerte sich die 86-Jährige. Sie selbst startete in der Altersklasse W 80 und gehörte damit zu den ältesten Teilnehmern des gesamten Laufes.
Dass Irmgard Seiffert überhaupt an den Start ging, entschied sich erst am Morgen des Laufes. „Ich habe immer nicht gewusst, wie kaputt ich bin, wenn ich Sonnabend so lange Dienst habe“, erzählt sie. In der Nacht habe sie unruhig geschlafen und sich gefragt, ob sie laufen oder lieber zu Hause bleiben sollte. Schließlich habe sie sich selbst zugeredet: „Irmard, du musst.“ Denn für sie gehört zum Sport nicht nur die körperliche Fitness. „Der Kopf muss das immer wollen.“
Die nötige Kondition bringt sie ohnehin mit. Viermal in der Woche läuft Seiffert rund 4,6 Kilometer. Ihre Tochter hat die Strecke ausgemessen. Die Runde führt unter anderem am Friedhof und an der Trave entlang und enthält auch einige Steigungen. Dafür benötigt die 86-Jährige meist zwischen 35 und 45 Minuten.
Dazu kommt zweimal in der Woche Krafttraining. Seit rund zehn Jahren besucht sie ein Fitnessstudio. „Muskeln sind das Wichtigste“, sagt sie überzeugt. Laufen allein reiche im Alter nicht aus. Kraft und Beweglichkeit müsse man ebenfalls trainieren. Gerade das Krafttraining habe ihr geholfen, wieder beweglicher zu werden.
Auch auf dem Fahrrad ist Seiffert regelmäßig unterwegs. Im Sommer kommen schon einmal 60 oder 70 Kilometer zusammen. Mit einer Radgruppe erkundet sie die Holsteinische Schweiz, fährt nach Eutin oder an die Ostsee. Seit zwei Jahren besitzt sie ein E-Bike, im Alltag steigt sie aber weiterhin gern auf ihr normales Fahrrad. „Mit dem E-Bike muss man richtig aufpassen“, sagt sie. Die höhere Geschwindigkeit verlange Konzentration.
Ihre sportliche Geschichte begann vergleichsweise spät. Erst mit etwa 65 Jahren entdeckte Seiffert das Laufen für sich. Bei einer Kur Ende der 1980er-Jahre nahm sie ein Mann mit auf die Laufbahn. Turnschuhe hatte sie damals nicht dabei, also lief sie in Gymnastikschuhen. Der Mann bescheinigte ihr Talent. Jahre später, 2004, begann sie regelmäßig zu laufen. Seitdem gehört die Bewegung zu ihrem Leben.
Dabei hatte sie zuvor keinen besonderen sportlichen Ehrgeiz. Rad gefahren sei sie allerdings schon immer. Heute gehört Bewegung für sie selbstverständlich zum Alltag. Auch ihre vier Enkel, zwischen Ende 20 und Anfang 30, können sie noch nicht einfach abhängen. Bei einem gemeinsamen Sporturlaub im Mai trainierte die Großmutter mit den jungen Männern. Die Enkel fahren, surfen und treiben Sport – und nehmen die fitte Oma gern mit.
Zu ihrem Alltag gehört außerdem weiterhin Arbeit. Seiffert arbeitet noch rund 27 Stunden in der Woche in einem Taxiunternehmen. Auch dort bleibt sie gefordert. Nach Feierabend wartet ihr großer Garten. Obst und Gemüse baut sie selbst an, außerdem kocht sie zahlreiche Gläser Marmelade ein. „Ich kann alles alleine machen“, sagt sie. Genau das ist ihr wichtig.
Auf eine besondere Ernährung achtet sie ebenfalls. Bei ihr gibt es viel Wasser, dunkles Brot, Fisch, Eier und Gemüse aus dem eigenen Garten. Fleisch kommt eher selten auf den Tisch. „Es ist unglaublich wichtig, gesund zu essen“, sagt sie. Ihre Kinder wissen: Wenn sie zu Besuch kommen, gibt es keine Limonade, sondern Wasser.
Irmgard Seiffert glaubt, dass ihr die Gene zugutekommen. Zugleich ist sie überzeugt, dass gute Voraussetzungen allein nicht reichen. „Wenn man einfach nur zu Hause auf dem Sofa sitzt, dann wird das nichts.“ Deshalb hat sie einen einfachen Rat für ältere Menschen: Anfangen, sich zu bewegen und vor allem Muskeln aufzubauen. Auch mit 65 sei es dafür noch nicht zu spät.
Für sie selbst steht fest, warum sie diesen Aufwand betreibt: „Ich möchte nicht im Rollator oder im Rollstuhl sitzen.“ Wenn sie morgens keine große Lust zum Laufen habe, müsse sie sich manchmal überwinden. Nach der Runde fühle sie sich dafür umso besser. „Wenn ich wiederkomme, dann könnte ich Bäume ausreißen.“
Beim Volkslauf hat sie inzwischen mehrfach bewiesen, dass diese Einstellung funktioniert. Im Ziel warteten diesmal nicht nur die Medaille und die Ehrung. Auch ihre Familie war dabei. Ihr Enkel Michel lief ebenfalls mit. Für Irmgard Seiffert ist das ein weiterer Ansporn, weiterzumachen. Und beim nächsten Volkslauf soll es möglichst wieder heißen: Irmgard Seiffert ist dabei. ohe