Leerstand statt Wohnraum: Streit um Umnutzung eines ehemaligen Bauernhofs in Pronstorf
PronstorfGerade im Sommer sind viele Radfahrende rund um Pronstorf unterwegs. Wer dabei durch Diekhof kommt, sieht ein wenig einladendes Bild: Seit Jahren steht hier ein ehemaliger Bauernhof leer.
„Immer wieder hören wir die Frage, warum wir hier nichts tun“, sagt Eigentümer Jan-Hendrik Hoops. Er wohnt nur wenige Häuser entfernt und würde gerne so schnell wie möglich mit der Umnutzung zu Wohnraum beginnen.
Nach einem Brand im Erdgeschoss des Wohngebäudes stellte er einen Antrag auf Nutzungsänderung des ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäudes. Bereits 2019 beschloss die Gemeinde Pronstorf für drei ehemalige landwirtschaftliche Betriebe an der Straße Moordiek eine Satzung. Diese soll Eigentümern ermöglichen, alte und teilweise baufällige Gebäude durch neue Wohnhäuser oder kleinere Handwerks- und Gewerbebetriebe zu ersetzen. Pro 1.500 Quadratmeter Grundstücksfläche ist dabei maximal eine Wohneinheit zulässig.
„Wir möchten bewusst von einem Neubau absehen und das vorhandene Gebäude nachhaltig sanieren und modernisieren“, schrieben Jessica und Jan-Hendrik Hoops in ihrer Bauvoranfrage. Nach der Umnutzung sollten sechs Wohneinheiten entstehen. Diese Bauvoranfrage lehnte der Kreis Segeberg jedoch ab.
Daraufhin stellte das Ehepaar Hoops eine weitere Bauvoranfrage. Darin beantragte es den Abriss des brandgeschädigten Wohngebäudes sowie den Wiederaufbau mit zwei Wohneinheiten. Auch diese Anfrage wurde von der Bauaufsicht des Kreises Segeberg abgelehnt.
„Das Gebäude befindet sich im Außenbereich gem. § 35 Baugesetzbuch. Im Außenbereich ist das Wohnen nach dem Willen des Gesetzgebers grundsätzlich nur unter engen Voraussetzungen möglich. Die Gemeinde kann jedoch ihre Planungshoheit nutzen und eine so genannte „Außenbereichssatzung“ beschließen. Sie legt dafür den Geltungsbereich fest und kann nähere Bestimmungen über die Zulässigkeit treffen.
Das hat die Gemeinde Pronstorf 2018 getan und für den Bereich Moordiek eine solche Satzung erlassen.“, erklärt Robert Tschuschke, der Pressesprecher des Kreises Segeberg.
Beide Bauvoranfragen wurden mit der Begründung abgelehnt, dass die beantragten Vorhaben der Außenbereichssatzung der Gemeinde Pronstorf widersprechen. Gegen die jüngste Ablehnung hat der Antragsteller Widerspruch eingelegt. Im Widerspruchsverfahren wird die Rechtmäßigkeit der Entscheidung überprüft.
Ob die Satzung dem Bauvorhaben der Familie Hoops widerspricht, will der Kreis Segeberg im Rahmen des Widerspruchsverfahrens klären. Die Baugenehmigungsbehörde beabsichtigt anschließend, mit dem Bauherrn eine Bauberatung durchzuführen, um zu besprechen, was möglich ist.
Für Lena Preißler-Jebe, Referentin für Bau- und Immissionsschutzrecht beim Bauernverband Schleswig-Holstein, ist die rechtliche Bewertung eindeutig: Die Familie Hoops könne neben einer Wohneinheit als Neubau fünf weitere Wohneinheiten durch eine Umnutzung schaffen – zusätzlich zu einem Betriebsleiterhaus und einem Altenteilerhaus. Nach Einschätzung der Juristin bezieht sich die Satzung der Gemeinde Pronstorf ausschließlich auf Neubauten.
„Nach Abs. 6 S. 7 bleibt die Anwendung des § 35 Abs. 4 (Umnutzung landwirtschaftlicher Gebäude, Ersatzbau usw.) unberührt“, so die Rechtsanwältin.
Lena Preißler-Jebe bewertet die Ablehnung der Bauvoranfrage des Ehepaares Jessica und Jan-Hendrik Hoops kritisch. Die geplante Umnutzung des ehemaligen landwirtschaftlichen Gebäudes sei aus ihrer Sicht ein Beispiel für eine Entwicklung, die politisch und gesellschaftlich eigentlich unterstützt werden sollte.
Nach ihrer Einschätzung widerspricht es dem Ziel vieler Regelungen, bereits versiegelte Flächen und vorhandene Gebäude ungenutzt verfallen zu lassen. Gerade in Schleswig-Holstein sei die Umnutzung ehemaliger Höfe ein zunehmendes Thema. Alte Hofstellen könnten durch neue Wohnformen, Ferienvermietung oder gewerbliche Nutzung wirtschaftlich erhalten werden.
Die Juristin betont, dass solche Vorhaben den Charakter des Gebäudes nicht verändern dürfen. Entscheidend sei, dass der Grundkörper erhalten bleibe. Veränderungen könnten aus statischen, energetischen oder brandschutzrechtlichen Gründen erforderlich sein. Problematisch werde es jedoch, wenn ein großer Teil der vorhandenen Bausubstanz entfernt und durch einen Neubau ersetzt werde.
Auch Pronstorfs Bürgermeister Jörg-Thomas Ohm unterstützt das Vorhaben der Familie Hoops. „So wie es jetzt aussieht, ist das keine gute Situation. Es sollte dort etwas passieren“, sagt Ohm. Die geplante Schaffung von Wohnraum sei „eigentlich eine gute Geschichte“ und passe zu dem, was die Gemeinde brauche. Nach seiner Einschätzung sei es nie die Absicht der 2019 beschlossenen Satzung gewesen, Umnutzungen bestehender Gebäude zu verhindern. Vielmehr habe sie lediglich Neubauten im Außenbereich regeln sollen. „Die Gemeinde steht hinter dem Vorhaben. Alles ist besser als so eine Bauruine. Wir möchten dort keine Lost Places haben“, betont der Bürgermeister. Er hofft, dass gemeinsam mit dem Kreis Segeberg noch eine Lösung gefunden werden kann.
Nach Berechnung der Investitionsbank Schleswig-Holstein fehlen im Land bis zum Jahr 2030 schätzungsweise rund 84.000 Wohnungen. Um diesen Bedarf zu decken, müssten rein rechnerisch jährlich etwa 14.000 zusätzliche Wohneinheiten geschaffen werden. Der Gesamtwohnungsbestand im Land liegt derzeit bei knapp über 1,56 Millionen Wohnungen. ohe