Blind gezeichnet, mutig geschnitten
Bad Segeberg. Iris Menges zeichnet, ohne auf das Papier zu sehen, mit links, obwohl sie Rechtshänderin ist, malt Papiere an, schneidet aus ihnen Formen und klebt sie dann auf die Zeichnungen. „Collagierte Zeichnungen“ nennt die Rendsburger Künstlerin ihre Kunstwerke, die noch bis Sonntag, 29. März, in der Villa Flath zu sehen sind. Der Segeberger Kunstverein hat die Künstlerin nach Bad Segeberg geholt. Der Vorsitzenden Ute Baier-Wolf waren Menges’ Werke bei der Schau der 1000 Bilder in Kiel aufgefallen. Am vergangenen Sonntag eröffnete sie die erste Ausstellung des Kunstvereins in diesem Jahr.
Wer die neuen Werke von Iris Menges betrachtet, begegnet einer Welt, die sich zwischen bewusster Kontrolle und absoluter Freiheit bewegt. In ihrer aktuellen Ausstellung gibt die Künstlerin tiefe Einblicke in ihre ungewöhnliche Arbeitsweise, die vor allem eines will: die Lebendigkeit des Augenblicks einfangen.
„Ich mache mir selbst ein paar Handicaps“, erklärt Iris Menges schmunzelnd während der Eröffnung. Es ist ein Akt der Loslösung vom eigenen Skript, ein Versuch, die „Kopflastigkeit“ zu umgehen, die den künstlerischen Fluss oft hemmt.
Ein zentrales Werk der Ausstellung zeigt eine Szene am Hauptbahnhof. Es ist ein typisches Menges-Motiv: ein Ausschnitt einer Alltagsszene, der den Betrachter förmlich dazu auffordert, sich „dazuzustellen“. Doch die Künstlerin wahrt eine feine Distanz. Ihre Bilder sind keine fotorealistischen Abbilder, sondern Momentaufnahmen, die Raum für eigene Gedanken lassen. Ob eine Szene an der Supermarktkasse oder das Treiben am Gleis – es geht um die menschliche Präsenz im öffentlichen Raum.
Besonders spannend ist der Einfluss ihrer aktuellen Tätigkeit als Artist in Residence an einer Kieler Schule. Dort entdeckte sie auf dem Dachboden vergessene Tierpräparate, die aufgrund ihrer giftigen Konservierungsstoffe nicht mehr angefasst werden dürfen. Menges holte diese „verlorenen“ Tiere – vom Storch bis zum Igel – künstlerisch zurück ins Leben.
Auch das vermeintlich Wertlose findet bei Menges Beachtung. In ihrem hinteren Ausstellungsraum präsentiert sie „Negativformen“. Es sind die Reste, die beim Ausschneiden ihrer Figuren übrig blieben. Was zunächst wie Abfall wirkte, entpuppte sich als florale, positive Form – inspiriert durch die unbefangene Arbeitsweise der Schulkinder, die Menges in ihrem Atelier besuchten.
Die Ausstellung ist freitags und sonnabends von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. ohe