ADHS hat eine Frauenvariante „Wenn die Gedanken wie Popcorn springen“
Bad Segeberg. ADHS wird bei Frauen häufig erst spät erkannt. Während Jungen mit ihrer oftmals sichtbaren Hyperaktivität schon im Kindesalter auffallen, lernen viele Mädchen, sich anzupassen und Schwierigkeiten nach außen zu verbergen. Der Dokumentarfilm „Ungesehene ADHS – Die Frauenvariante“ von Andrea Rothenburg rückt diese bislang wenig beachtete Seite der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den Mittelpunkt. Die Premiere findet am Donnerstag, 17. September, um 19.30 Uhr statt.
Zu den Protagonistinnen des Films gehört Mareike, die erst im Erwachsenenalter ihre Diagnose erhielt. Für sie bedeutete die Erkenntnis zunächst vor allem eine Erklärung für vieles, was sie in ihrem bisherigen Leben erlebt hatte. Sie beschreibt ihre Gedanken als eine Art „Gedanken-Popcorn“: Ein Gedanke taucht auf, schon springt der nächste dazwischen, während gleichzeitig zahlreiche Reize wahrgenommen werden. Was von außen wie Unkonzentriertheit oder mangelnde Anstrengung wirken kann, ist für Betroffene häufig eine enorme Herausforderung.
„Für mich ist der größte Impact eigentlich, dass ich mir verzeihen kann“, sagt Mareike im Film. Lange hatte sie sich selbst vorgeworfen, Dinge nicht zu Ende gebracht zu haben. Sie wechselte beispielsweise mehrfach den Studienort und brach Ausbildungen beziehungsweise Studiengänge vor dem Abschluss ab. Erst durch die Diagnose konnte sie viele dieser Erfahrungen neu einordnen.
Gleichzeitig möchte Mareike nicht auf eine Diagnose reduziert werden. „Ich würde mir auch wünschen, dass Menschen eher als Menschen wahrgenommen werden und nicht im Sinne einer Pathologie oder einer Krankheit“, erklärt sie. Seit ihrer Diagnose sei es ihr wichtig, ADHS eine Stimme zu geben und zu zeigen, welche Menschen hinter dem Begriff stehen.
Regisseurin Andrea Rothenburg hat für ihren 60-minütigen Dokumentarfilm Frauen begleitet, die erst spät mit ADHS diagnostiziert wurden. Sie erzählt von ihren Lebensgeschichten, den langen Wegen bis zur Diagnose und der Erleichterung, die diese Erkenntnis mit sich bringen kann. Für manche Frauen folgt darauf allerdings auch ein Trauerprozess: Die Frage, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihre Besonderheiten schon früher erkannt und verstanden worden wären.
Der Film richtet den Blick dabei nicht allein auf die Schwierigkeiten. ADHS könne auch mit besonderen Stärken verbunden sein, etwa Kreativität, Humor, Engagement, Sensibilität oder der Fähigkeit, sich bei starkem Interesse besonders intensiv zu konzentrieren. Gleichzeitig können alltägliche Anforderungen wie Organisation, Zeitmanagement oder das Abarbeiten wenig interessanter Aufgaben große Probleme bereiten.
Besonders eindrucksvoll zeigt der Film, dass sich Hinweise auf ADHS bei manchen Betroffenen bereits in alten Schulzeugnissen finden. Formulierungen wie „Wenn sie wollte und sich mehr konzentrieren würde, dann könnte sie erheblich mehr einbringen“ zeigen, wie Verhaltensweisen früher häufig als mangelnde Motivation oder fehlende Anstrengung bewertet wurden. Heute wird stärker darauf geschaut, welche Ursachen hinter solchen Schwierigkeiten stehen können.
Dr. Myriam Bea, Geschäftsführerin von ADHS Deutschland, möchte mit dem Film insbesondere die später diagnostizierten Frauen stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. ADHS Deutschland unterstützt Betroffene und Angehörige unter anderem durch Selbsthilfegruppen und Online-Angebote.
„Ungesehene ADHS – Die Frauenvariante“ soll deshalb nicht nur Betroffene und ihre Angehörigen erreichen. Auch Lehrkräfte, Arbeitgeber, medizinisches Personal und alle Menschen, die mit anderen Menschen zu tun haben, sollen für die oft stille und weniger auffällige Form von ADHS sensibilisiert werden.
Die Premiere des Dokumentarfilms beginnt Donnerstag, 17. September, um 19.30 Uhr. im CinePlanet5 in Bad Segeberg, Oldesloer Straße 34. Karten sollten vorbestellt werden. Eine weitere Vorführung mit Diskussion ist für Mittwoch, 2. Dezember geplant. ohe