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von Gerald Henseler

86-Jährige kämpft für ältere Patienten im MVZ Wahlstedt

Wahlstedt Mehr als 40 Jahre lang war Sabine Schramm Patientin in der Hausarztpraxis von Dr. Orlowski in Wahlstedt. Die heute 86-Jährige erinnert sich an eine Zeit, in der das Praxisteam trotz hoher Auslastung stets eine Lösung gefunden habe. Seit die Praxis als Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) geführt wird, erlebt sie den Alltag nach eigenen Angaben jedoch völlig anders.
Schramm lebt allein, ist schwerbehindert und kann nur noch kurze Strecken zu Fuß zurücklegen. Ihre Tochter wohnt in Berlin und unterstützt sie an den Wochenenden. Im Alltag ist die Seniorin jedoch weitgehend auf sich allein gestellt. Gerade deshalb seien funktionierende Abläufe in der Hausarztpraxis für sie unverzichtbar.
Besonders belastend sei die telefonische Erreichbarkeit. Nach ihrer Schilderung lande sie bei Anrufen fast immer in einer Bandansage mit dem Hinweis auf Überlastung. Benötige sie ein Rezept oder eine Überweisung, müsse sie häufig persönlich in die Praxis fahren, obwohl ihr das gesundheitlich schwerfalle.
Für notwendige Fahrten sei sie auf ein Taxi angewiesen. Da sie nicht wisse, ob ihre Unterlagen sofort bearbeitet würden, müsse sie häufig mehrfach fahren und die Kosten selbst tragen. Bei einer moderaten monatlichen Rente stelle dies eine zusätzliche finanzielle Belastung dar.
Hinzu komme, dass viele Abläufe inzwischen digital organisiert seien. Termine, Rezepte oder Anfragen liefen häufig über das Internet. Schramm besitzt zwar ein Smartphone, nutzt es jedoch ausschließlich zum Telefonieren. Computer oder E-Mail gehörten für sie nicht zum Alltag. Darin sieht sie ein grundsätzliches Problem für viele ältere Menschen. „Es wird überhaupt nicht daran gedacht, dass diese Welt auch aus alten Menschen besteht“, sagt sie.
Nach einem halben Jahr im Krankenhaus benötigte sie mehrere Überweisungen und Rezepte. Weil sie telefonisch niemanden erreichte, wandte sie sich schließlich an die Ärztegenossenschaft Nord als Verwaltungsgesellschaft des MVZ. Dort habe ihr eine Mitarbeiterin geholfen und den Kontakt zur Praxis hergestellt. Das eigentliche Problem bleibe aus ihrer Sicht jedoch bestehen: Wer niemanden habe, der Besorgungen übernehmen könne, stehe oft vor kaum lösbaren Hürden.
Die Seniorin vermisst vor allem die persönliche Betreuung, die sie aus früheren Jahren kennt. Unter Dr. Orlowski habe das Praxisteam die Patienten gekannt und auch kurzfristig geholfen. Heute nehme sie häufig wechselndes Personal wahr. Als möglichen Lösungsansatz schlägt sie feste Telefonzeiten vor, in denen Mitarbeitende ausschließlich Anrufe entgegennehmen.
Nach eigener Aussage geht es ihr nicht nur um ihre persönliche Situation. Sie befürchtet, dass viele ältere Menschen ähnliche Schwierigkeiten erleben, sich jedoch nicht an die Öffentlichkeit wenden. Deshalb wandte sie sich inzwischen auch an die Stadt Wahlstedt und bat darum, die Situation im MVZ zu prüfen. Ihr Anliegen sei es, die medizinische Versorgung insbesondere für ältere und wenig digital affine Patienten wieder besser erreichbar zu machen.
Bürgervorsteher Horst Kornelius kennt das Problem. „Das wird abgestellt“, verspricht er. Die Stadt habe gemeinsam mit der Geschäftsführung einen MVZ-Beirat gegründet, der bereits zu einer ersten Sitzung zusammengekommen sei. Derzeit befinde sich das MVZ in einer Umstrukturierungsphase, erklärt Kornelius. Er verweist darauf, dass die eingeschränkte persönliche Erreichbarkeit von Arztpraxen und Unternehmen kein ausschließliches Wahlstedter Problem sei. Gleichwohl solle die Erreichbarkeit des MVZ verbessert werden.
Die Stadt Wahlstedt gründete das kommunale MVZ im Januar 2022, um einem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken. Die langjährigen Hausärzte Dr. Michael Orlowski und Holger Damaschke hatten zuvor lange vergeblich nach Nachfolgern gesucht. Das MVZ arbeitet seitdem defizitär. Der jährliche Fehlbetrag – im Jahr 2024 waren es 258.204 Euro – wird durch Zuschüsse aus dem städtischen Haushalt ausgeglichen. Die Stadtvertretung trägt diese Verluste bewusst als politisch gewollte Ausgaben zur Sicherstellung der lokalen hausärztlichen Versorgung. ohe