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von Gerald Henseler

26 Monate auf Spurensuche: Die Geschichte von Negernbötel zwischen zwei Buchdeckeln

Zwei Personen mit alten Büchern am Tisch.
Kurt Bevensee und Gaby Kurpas schrieben die Chronik der Gemeinde Negernbötel.  Foto: ohe

Negernbötel. Was geschah in Negernbötel vor hundert, zweihundert oder gar tausend Jahren? Wer lebte dort, wie sah das Dorf aus und was erlebten die Menschen während des Krieges und der Nachkriegszeit? Gaby Kurpas und Kurt Bevensee haben sich 26 Monate lang auf Spurensuche begeben. Ihre Dorfchronik ist inzwischen nahezu druckfertig.
Das Buch soll mehr sein als eine Ansammlung von Jahreszahlen und Dokumenten. Es erzählt von Menschen, Schicksalen und dem Wandel des Dorfes. „Man findet immer etwas – und dann kommt das Nächste“, sagt Bevensee.
Die Idee für eine Chronik entstand bereits in den 1990er-Jahren. Doch die Recherche war damals aufwendig: Archive waren kaum digitalisiert, Dokumente mussten vor Ort eingesehen werden. Erst Jahre später nahm das Projekt wieder Fahrt auf – vor allem durch Kurt Bevensee. Der gebürtige Chilene arbeitete als Schifffahrtslogistiker und Geschäftsführer einer Reederei und bereiste 65 Länder. Seit elf Jahren ist er im Ruhestand und widmet sich intensiv der Familien- und Regionalgeschichte.
Bei der Chronik übernahm Kurt Bevensee vor allem die Recherche, Kurpas kümmerte sich schwerpunktmäßig um die Texte. Kurpas ist in Negernbötel aufgewachsen, war dort Schülerin und später Lehrerin. Besonders am Herzen liegt ihr die Geschichte der alten Dorfschule, die bis 1974 bestand.
Die Schulchroniken erwiesen sich als wahre Fundgrube. Sie berichten nicht nur über Unterricht und Schülerzahlen, sondern auch über Unwetter, Unglücke, Wahlen und Tierseuchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Kinder durch den Zustrom von Flüchtlingen so stark an, dass die einklassige Schule zeitweise im Schichtbetrieb arbeiten musste.
Auch Gaby Kurpas’ 94-jähriger Vater steuerte Erinnerungen bei. Einige davon ließen sich anhand historischer Quellen überprüfen. So wusste er noch genau, dass es regnete, als britische Panzer in Negernbötel einrückten. Die Wetteraufzeichnungen bestätigten seine Erinnerung.
Besonders intensiv beschäftigten sich die Autoren mit der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Sie recherchierten über Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Vertriebene.
Ein Schicksal bewegte Gaby Kurpas besonders: Das der polnischen Zwangsarbeiterin Sabina Lewandowski. Sie kam während des Krieges nach Negernbötel und arbeitete auf Maleksberg. Über das Arolsen-Archiv konnten die Autoren ihr Schicksal nachvollziehen. Lewandowski starb an den Folgen einer Fehlgeburt und wurde auf dem Friedhof in Bad Segeberg beigesetzt.
Gaby Kurpas suchte ihr Grab und fand einen Gedenkstein mit ihrem Namen. „Es war ein ganz bedeckter Tag“, erzählt sie. Als sie den Namen fotografierte, fiel genau in diesem Moment ein Lichtstrahl auf den Stein. „Da stand ich und mir liefen die Tränen.“
Auch der Tod zweier Brüder kurz nach Kriegsende konnte aufgeklärt werden. Die Kinder kamen bei einer Explosion von Munition ums Leben. Über Kirchenunterlagen und weitere Dokumente gelang es den Autoren, ihre Namen und die näheren Umstände zu ermitteln.
Doch die Chronik erzählt ebenso vom Alltag. Von Landwirtschaft und Gewerbe, Gastwirtschaften und Vereinen, Vogelschießen und Fußball. Alte Fotos und Postkarten zeigen, wie das Dorf einst aussah.
Dabei fanden die Autoren manches überraschende Detail: Am Kiebitzholm wurde zeitweise Kies abgebaut. Ein Gebäude, das viele für ein ehemaliges Forsthaus halten, diente ursprünglich als Unterkunft für Arbeiter der Schmalspurbahn. Auch Fischteiche und eine Nutriazucht gehörten einst zum Dorf.
Ein Fund führte Gaby Kurpas sogar nach Estland. Die Familie von Güldenstubbe, die später in Negernbötel lebte, stammte ursprünglich von der Insel Saaremaa. In einem dortigen Museum entdeckte sie eine alte Postkarte aus Negernbötel. „Dass man in einem Museum auf Saaremaa eine Postkarte von Negernbötel findet, fand ich sehr beeindruckend.“
Ein weiteres Kapitel widmet sich der Vereinigung von Negernbötel und Hamdorf in den 1970er-Jahren. Die Autoren wollten alte Konflikte nicht neu bewerten, sondern anhand von Dokumenten zeigen, wie es zu dem Zusammenschluss kam. Ein Schriftstück aus dem Nachlass von Gaby Kurpas’ Vater enthält unter anderem Angaben zu Schulden, Guthaben und geplanten Vorhaben der beiden Gemeinden. „Wir lassen das Dokument für sich sprechen“, sagt Gaby Kurpas.
Mit der Vereinigung der Gemeinden und der Schließung der Schule endet die Chronik. Auch die jüngere Dorfgeschichte hätten die Autoren gerne noch aufgearbeitet. Doch irgendwann müsse Schluss sein, sagt Kurpas lachend: „Wenn jemand das wieder machen will, viel Spaß.“
Die Chronik soll abhängig von den Vorbestellungen aufgelegt werden. Rund 40 Bestellungen liegen bereits vor. Je nach Auflagenhöhe soll das Buch etwa 45 bis 48 Euro kosten. Die Autoren setzen auf Vorauszahlung, um die Druckkosten abzusichern.
Entstanden ist ein Stück Dorfgeschichte, das vergessene Schicksale sichtbar macht und zeigt, wie sehr die Identität eines Ortes von den Menschen geprägt wird.
Bestellungen sind direkt bei den Autoren Gaby Kurpas, Dorfstr. 20, Negernbötel und Kurt Bevensee, Achtern Hoff 1, Hamdorf sowie donnerstags, ab 18.30 Uhr im Hambötler Huus möglich.
ohe