Aus dem Geschäftsleben
Kabelloser Herzschrittmacher macht Operation überflüssig

Kabelloser Herzschrittmacher macht Operation überflüssig

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Dr. Volker Geist und Dr. Krista Kuhnhardt bereiten den Herzschrittmacher vor. Der Eingriff erfolgte bei laufender Kamera. Fotos: se-kliniken

Bad Segeberg (em). Wilbur Heitmann ist 80 Jahre alt und hat ein Problem, was er mit fast 12.000 Patienten in Deutschland teilt. Sein Herzschrittmacher hat das Muskelgewebe entzündet. Nach drei Jahren muss der Schrittmacher entfernt werden. Kabel und Batterie werden aus der Schrittmachertasche operiert. Versuche, ohne Schrittmacher leben zu können, scheiterten jedoch bei dem ehemaligen Kraftfahrer. Die Herzschläge waren zu langsam, Schwindel stellte sich ein. Damit standen der Rentner und sein Ärzteteam vor einem Problem, denn ein neuer Herzschrittmacher kann nicht am selben Platz implantiert werden. Die Lösung ist ein innovativer Mini-Schrittmacher.
Patienten, die durch eine Herzerkrankung auf einen Herzschrittmacher angewiesen sind, können sich berechtigte Hoffnung machen, zukünftig auf ein komplikationsloses System zugreifen zu können. Erstmals in Schleswig-Holstein wurde im Herzzentrum Bad Segeberg  ein kabelloser Mini-Herzschrittmacher implantiert. Der Eingriff erfordert vom Operateur einiges Geschick: „Der kabellose Herzschrittmacher ist filigran wie eine Tintenpatrone. Da wir über Röntgenaufnahmen nur zweidimensional sehen können, ist die Platzierung des Schrittmachers im rechten Herzen eine echte Herausforderung“, sagt Dr. Volker Geist, Leitender Oberarzt im Herzzentrum und Operateur des neuen Mini-Systems. Der Eingriff wurde live aufgezeichnet und im Rahmen des Segeberger Herz-Kompass, einem der größten Fachkongresse für Ärzte in Norddeutschland, Mitte Januar dem Publikum gezeigt, das während des Eingriffs Fragen an die Kardiologen stellen konnte – bei diesem Eingriff auch eine Premiere in Deutschland.
Der Mini-Herzschrittmacher wird über einen Venenkatheter bis zur rechten Herzkammer vorgeschoben. Das „Abwerfen“, des mit einer Batterie und Fangarmen ausgestatteten Schrittmachers, ist die entscheidende Schwierigkeit. Unter dem Kommentar von Geist konnten die 150 Zuschauer des Kongresses die Premiere mitverfolgen: „Wichtig ist, dass der Schrittmacher einen guten Kontakt zum Herzmuskel hat, erst dann können wir ihn abwerfen.“ Durch seine Programmierung erkennt der Schrittmacher, wie gut Stromaufnahme und -abgabe im Herzen sind. Bei optimalen Werten betätigt Geist den Ablösemechanismus. Der Mini-Schrittmacher fährt seine Fangarme aus und platziert sich tief im Herzmuskel der rechten Herzkammer.
Die Elektrophysiologie ist ein Schwerpunkt im Segeberger Herzzentrum. Jährlich werden hier mehrere Hundert Herzschrittmacher implantiert. Das neue Mini-System ist für Chefarzt Prof. Gert Richardt die Zukunft: „In Deutschland werden jährlich 100.000 konventionelle Herzschrittmacher implantiert. Etwa jeder zehnte Patient erleidet dabei im Verlauf Komplikationen. Wir denken, dass wir mit den neuen Systemen das Komplikationsrisiko minimieren können. Zukünftig wird es Systeme geben, die wir auch im Vorhof verankern und die dann über Bluetooth mit dem System im rechten Herzen kommunizieren. Damit wären alle herkömmlichen Systeme obsolet“, zeigt sich Richardt optimistisch.
Wilbur Heitmann hat den Eingriff bei vollem Bewusstsein gut überstanden und ist schon nach wenigen Stunden wieder auf den Beinen. Die Batterie seines kabellosen Mini-Herzschrittmachers hat eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren, etwa gleich lange, bei deutlich kleinerem Aggregat, wie herkömmliche Sys­teme. Daher kommen zunächst nur ältere Patienten, wie Heitmann, für die Implantation des neuen Sys­tems in Betracht. Sollte nach der Laufzeit ein weiterer Schrittmacher notwendig sein, würde der direkt in der rechten Herzkammer neben dem
ersten Schrittmacher implantiert werden.

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