Aus dem Geschäftsleben
Tabuthema

Beckenbodenschwäche – Volkskrankheit und zugleich Tabuthema

von Katja Lassen

Dr. Christian Rybakowski, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in der Allgemeinen Klinik der Segeberger Kliniken

Das Thema Beckenbodenschwäche ist für viele Menschen ein unaussprechliches Tabu, obwohl in Deutschland knapp 4 Millionen Menschen an dieser Erkrankung leiden. Es sind überwiegend Frauen im Alter zwischen 40-90 Jahren betroffen, wobei die Blasen- oder Stuhlschwäche (Inkontinenz) nicht nur ältere Frauen betrifft. Schon in jungen Jahren können Probleme dieser Art bei Frauen auftreten. Männer sind häufig erst ab dem 70. Lebensjahr von einer Beckenbodenschwäche betroffen. Bei einer Beckenbodenschwäche ist die Muskulatur des Beckens durch eine bestehende Bindegewebsschwäche, Schwangerschaften und Geburt sowie hormonelle Umstellungen geschwächt, so dass Lage und Funktion der Blase beeinflusst werden. Dadurch reicht die Verschlusskraft häufig nicht mehr aus. „Besonders bei körperlicher Anstrengung, wie Heben und Bücken oder auch beim Niesen und Lachen, kann es tropfenweise zum Abgang von Harn kommen“, erläutert Dr. Christian Rybakowski, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in der Allgemeinen Klinik der Segeberger Kliniken. Sind die Beckenbodenmuskulatur und ihre Bänder zu locker, werden die inneren Organe des Bauchraumes nicht ausreichend in ihrer Position gehalten und sinken nach unten. Damit kann der Becken­boden seine Aufgabe nicht mehr ausreichend erfüllen.

Die Symptome einer Beckenbodenschwäche können vielseitige Beschwerden hervorrufen. Dazu gehören:
Stuhlinkontinenz (der Stuhl kann nicht mehr gehalten werden und wird in bestimmten Situationen unkontrolliert ausgeschieden), eine Senkung von Blase und Enddarm sowie Gebärmutter und Scheide, Unterleibsschmerzen und Drang- und Belastungsharninkontinenz.
Die Beckenbodenschwäche im Bereich des Darms beginnt häufig mit einem leichten Druckgefühl am Beckenboden mit geringen Problemen bei der Stuhlentleerung. Im nächsten Schritt kommt es zur Verstopfung und Harnverlust bei Belastung oder Husten. In einem weiteren Schritt ist die Verstopfung so schwer, dass Einläufe notwendig werden und es kommt zur Ausbildung von Hämorrhoiden. Im letzten Stadium kommt es zur vollständigen Stuhlinkontinenz und einem Vorfall eines Organs des Beckenbodens.

Im Bereich der Blase kommt es oftmals zunächst zu geringem Urinabgang bei starker Belastung, wie zum Beispiel beim Husten (Belastungsinkontinenz). Dieser verstärkt sich oder tritt bereits bei leichten Belastungen, wie dem Aufstehen auf. Daneben können bei der Frau auch Senkungsbeschwerden durch ein langsames Tiefertreten der Scheidenwände vor den Scheideneingang auftreten. Dies kann auch dazu führen, dass bei Harndrang keine Zeit mehr bleibt, die Toilette aufzusuchen (Dranginkontinenz). Ohne Behandlung besteht die Gefahr eines kompletten Ausstülpens der Scheide mit dem Vorfall der Gebärmutter vor den Scheideneingang. Natürlich sind auch Kombinationen von Stuhl- und Harninkontinenz mit verschiedenen Stadien der Beckenbodensenkung möglich.

Doch es muss nicht so weit kommen. Die aufgelisteten Symptome treten erst dann auf, wenn im Vorfeld keinerlei Maßnahmen ergriffen wurden, was jedoch aufgrund der Tabuisierung des Themas häufiger vorkommt. „Wir erleben, dass die Patienten erst zu uns kommen, wenn die Erkrankung weit fortgeschritten ist, mit der Folge, dass die einzuleitenden Maßnahmen umfänglicher sein müssen, als es im Vorfeld nötig gewesen wäre. Daher rate ich, früher in die Sprechstunde zu kommen“, so Rybakowski.

Zu Beginn des Arztbesuches steht die Diagnostik. In einem vertraulichen Arzt-Patienten-Gespräch informiert sich der Arzt über die Beschwerden, führt verschiedene Untersuchungen durch. Bei Frauen schließt sich eine gynäkologische Untersuchung an, um die Ursachen für die Beschwerden zu klären. „Wenn wir die Ursache kennen, erörtern wir mit der Patientin gemeinsam, auf welche Weise wir das Problem beheben sollen. Die Frage wird auch davon beeinflusst, in welcher Weise die Patientin noch sexuell aktiv sein möchte“, so Rybakowski. Zur Diagnostik wird Ultraschall eingesetzt und das dynamische Becken-MRT (Kernspin-Untersuchung) kommt in den Segeberger Kliniken zum Einsatz. Es ermöglicht eine Beurteilung, wie sich einzelne Organe während der Anspannung und Entspannung des Beckenbodens verändern. „Bei Erkrankungen des Becken- und Darmbereichs arbeiten wir fachübergreifend mit weiteren Disziplinen, wie Urologen, Chirurgen und Internisten im Haus zusammen. Wir erweitern die Therapie und entscheiden gemeinsam im Team mit dem Patienten, in welcher Weise wir das tun“, erläutert Rybakowski das Vorgehen.  

Wenn die Beschwerden durch konservative Maßnahmen, wie Krankengymnastik oder einer lokalen Hormontherapie zum Beispiel, nicht mehr zu beheben sind und die Lebensqualität eingeschränkt ist, ist ein chirurgischer Eingriff der beste Weg. Je nach dem, welches Organ sich gesenkt hat, kommen verschiedene Operationen in Betracht, die entweder durch die Bauchdecke mit minimalinvasiven Verfahren oder aber bei der Frau durch die Scheide durchgeführt werden. „Durch eine Operation können wir die Widerstandskraft und die Wirkung der geschwächten Strukturen wiederherstellen und die Organe im Becken stützen“, so Rybakowski.     Robert Quentin

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