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Vor 40 Jahren traf sich die Musikszene im Auenland in Sülfeld

Das Auenland in Sülfeld in lind-grün in den 1980er Jahren.

Sülfeld (kf). In der fiktiven Welt von R.R.Tolkiens Erwachsenen-Märchen „Herr der Ringe“ liegt das Auenland, ein ruhender Pol in Mittelerde. Dort leben die Hobbits, friedvolle und plietsche Wesen, mit einer starken Vorliebe für gutes Essen und Trinken, Ruhe und Gemütlichkeit.
Gleiche Ziele verfolgte eine Gruppe junger Menschen, von denen einige Erzieher waren. In einer Wohngemeinschaft wollten sie zusammen leben und arbeiten und suchten dafür einen Gasthof. Diesen fanden sie in Sülfeld und pachteten den ehemaligen Landgasthof Schützenhof mit dem Ziel, dort ein Kommunikationszentrum mit einer aktiven Freizeitgestaltung für Jugendliche zu eröffnen. In Anlehnung an die Romanvorlage erhielt der Gasthof, den Namen „Auenland“ und wurde nach aufwendigen Umbaumaßnahmen im Sommer 1977 eröffnet.
Im Auenland sollte Live-Musik, Live-Theater, Kinderfeste, Kinderkino, Fahrradverleih im Sommer, Schlittenverleih im Winter, Tischtennis im Saal, Federball und Frisbee auf dem Hof sowie ein Fernsehraum und vieles mehr angeboten werden. Das Auenland sollte an allen Tagen die Woche bei freiem Eintritt zugänglich sein. Einen Bestell- und Verzehrzwang gab es nicht. Am Mittwoch, Freitag und Sonnabend fanden im großen Saal Disko-Veranstaltungen mit Musik vom Plattenteller statt. Auch Gruppen hatten die Möglichkeit zu Live-Auftritten auf der Bühne. Etwas ruhiger ging es in der Gaststätte bei Gesprächen und Speisen zu. Zwei Spielräume mit Billard und Flipper sowie eine Teestube mit Gesellschaftsspielen rundeten das Angebot ab.
Schnell wurde das Auenland in Sülfeld zum Geheimtipp und ein Besuchermagnet vor allem an Diskotagen für Jugendliche aus Lübeck, Hamburg, Neumünster und Bad Segeberg.
Der Erfolg hatte aber auch seine Schattenseiten. Schutzgebührerpresser wurden zwar erfolgreich in die Flucht geschlagen, der Versuch der Erzieher, Jugendarbeit mit Hausaufgabenbetreuung und Spielen zu betreiben, schlug aber fehl. Nicht zuletzt, weil der Kreisjugendpfleger den Jugendlichen den Aufenthalt im Auenland aus Gründen des Jugendwohls untersagte. Daran änderten auch Unterschriftenlisten der Eltern nichts.
Dennoch, an den Wochenenden strömten die Jugendlichen in Scharen ins Dorf, das von parkenden Autos nur so überquoll. Die Kfz-Kennzeichen stammten aus dem gesamten norddeutschen Raum. So kam es zu einem tragischen Verkehrsunfall, bei dem ein Mädchen starb. Die Lärmbelästigungen der an- und abfahrenden Fahrzeuge sorgte für Ärger bei den Dorfbewohnern und schließlich zu einer Vorverlegung der Sperrstunde auf täglich 23 Uhr. Die wirtschaftlicheExistenzgrundlage des Kommunikationszentrums war nicht mehr gegeben und so stellte das Auenland Ende 1978 den Betrieb ein.
Der Trend der Städter, in Dorfgasthöfen auf dem Land zu feiern, riss aber nicht ab und so startete eine Gruppe aus sieben zähen Individualisten zwischen 19 und 28 Jahren mit verändertem Konzept die zweite Auflage eines Kultur- und Kommunikationszentrums als Treffpunkt für Jugendliche im Auenland auf non-pofit-Basis. Im Mittelpunkt stand die Zusammenarbeit mit regionalen, nationalen und internationalen Live-Musikgruppen, weg von der Disko-Szene. Im Auenland spielten viele Bands zum kleinen Preis unter anderem auch Abi Wallenstein aus Hamburg, Trio und die Erste Allgemeine Verunsicherung. 1984 die Sensation: dieWoodstock-Legende Alvin Lee tritt mit seiner Blues-Rock-Band Ten Years After im Auenland auf. Häufig waren den musikinteressierten Jugendlichen Gespräche mit den Musikern möglich und eine Besonderheit des Auenlandes. Das führte zu einer familären Atmosphäre, die den Reiz des Auenlandes ausmachte und Jugendliche sowie viele Musikgruppen anzog. Die Lärmbelästigung wurde auch durch weitere Baumaßnahmen deutlich reduziert.
Während Klagen und Bürgerproteste der Anwohner verstummten, blieb der Widerstand seitens der Genehmigungsbehörden durch den Amtsvorsteher des Amtes Itzstedt und den Landrat des Kreises Segeberg. Für sie war das Auenland ein Fremdkörper in der Gemeinde Sülfeld. Dem Auenland wurde die im September 1979 erteilte Konzession als Tanzlokal im März 1980 entzogen. Zuvor war die Durchführung von Diskoveranstaltungen bereits untersagt worden. Die Auenländer klagten und gewannen 1981 nach einem bemerkenswerten Urteil gegen den Kreis Segeberg vor dem Schleswig- Holsteinischen Verwaltungsgericht.
Mitte der 1980er Jahre rentierte sich das Auenland nicht mehr und wurde geschlossen. Am 6. März 1987 brennt der unbewohnte Gebäudekomplex nach Brandstiftung nieder.

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