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Niederländische Verkehrspolitik beeindruckte Segeberger Exkursionsteilnehmer

Traumhafte Bedingungen für Radfahrer

von Gerald Henseler

Auf dem Radschnellweg von Arnhem nach Nijmegen passierten die Exkursionteilnehmer diesen Autobahntunnel

Bad Segeberg (ohe/em). Drei Tage lang waren die Mitglieder des Radverkehrsbeirates im Kreis Segeberg in den Niederlanden unterwegs. Bei gemeinsamen Radtouren, Expertenvorträgen und Diskussionen beeindruckten die europäischen Nachbarn die 16 Segeberger Delegierten stark.
„Die Niederländer sind uns in der Verkehrspolitik locker 30 Jahre voraus“, so Arne Hansen, Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz des Kreises, der die Exkursion organisiert hatte. „Es ist absolut beeindruckend zu erfahren, was alles möglich ist, wenn man den Menschen und nicht das Auto in den Mittelpunkt der Planungen stellt.“
Dabei erstaunte die Segeberger vor allem, dass die Niederlande durchaus auch eine Autonation sind.
„Wir sind alles: Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer“, so Professorin Ineke Spapé , Verkehrswissenschaftlerin aus Breda. Die Niederlande verfügen über das weltbeste Radverkehrssystem, ein hervorragendes Fußwegenetz, einen vorbildlichen Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sowie ein dichtes Netz von Straßen und Autobahnen.
Dass sich das Land vom Autoland der 70er Jahre zu einem Fahrradmusterland entwickelte, hatte seine Ursache vor allem in der hohen Anzahl an Verkehrstoten und -unfällen. Das führte zu einem Umdenken. Bevölkerung und die Politik setzten sich für mehr Sicherheit im Straßenverkehr ein.
„Sicherheit ist die wichtigste Voraussetzung für den Radverkehr und wie sicher eine Stadt ist, kannst du an der Menge von radfahrenden Kindern und Frauen sowie Lastenrädern sofort erkennen“, weiß Ineke Spapé aufgrund unzähliger Untersuchungen zu berichten. 40 Prozent aller Grundschüler und 75 Prozent aller Sekundarschüler fahren in den Niederlanden mit dem Rad zur Schule.
Besonders die selbsterklärende Gestaltung der Straßen, die Verkehrsschilder nahezu überflüssig macht, sorgt dafür, dass alle Verkehrsteilnehmer sich quasi intuitiv angemessen verhalten.
„Mich beeindruckt besonders die gegenseitige Rücksichtnahme und große Gelassenheit der Holländer,“ stellte Julia Maßow, Regionalmanagerin des Kreises, bei einer Fahrt durch Utrecht fest.
Aber natürlich sind es auch die Bauwerke, die beeindrucken, wie das weltgrößte Fahrradparkhaus mit 12.500 Stellplätzen auf drei Etagen oder die neue Daphne-Schippers-Brücke, die in einer Schleife über ein Schulgebäude und einen Kanal führt (beide in Utrecht).
Wie positiv sich ein hoher Radverkehrsanteil nicht nur auf die Sicherheit, sondern auch auf die Lebensqualität auswirkt, erlebten die Teilnehmer auch in Houten, wo die Förderung des Radverkehrs schon zu Beginn der städtebaulichen Entwicklung im Vordergrund stand. Schon vor Jahren hat sie den Autoverkehr aus der Innenstadt verbannt, ist sicher, lebenswert und umweltfreundlich und gilt inzwischen international als Modell für ein Verkehrskonzept der Zukunft.
Die spannende Frage, die sich der Segeberger Delegation immer wieder stellte, war natürlich, wie die Niederländer es geschafft haben, ein ganzes Land so konsequent fahrradfreundlich umzugestalten.
„Vor allem haben wir damit schon vor vierzig Jahren begonnen und dann kontinuierlich mit großem Engagement daran weitergearbeitet. So investiert die Stadt Utrecht jährlich 132 Euro€ pro Einwohner in den Radverkehr. In deutschen Großstädten liegen die jährlichen Investitionen hingegen bei durchschnittlich fünf Euro“, bilanzierte Bernhard Ensink vom internationalen Verkehrsplanungsbüro Mobycon.
Besondere Erkenntnisse erhoffte der Radverkehrsbeirat sich für die Planung und Umsetzung von Radschnellwegen, von denen in den Niederlanden seit 2006 eine große Anzahl gebaut wurde. Auffallend dabei der große Pragmatismus der Niederländer, denen es vor allem um eine schnelle und kostengünstige Umsetzung geht – manchmal auch durch Unterschreitung definierter Standards.
„Was nützt eine perfekte Planung, wenn es keine Chance gibt, diese auch umzusetzen?“, wirbt Ineke Spapé, die an der Planung der ersten Radschnellwege maßgeblich beteiligt war, für Kompromisse.
Daraus zog Thies Rickert, Vorsitzender des Bau- und Umweltausschusses in Kaltenkirchen, für sich die Konsequenz, die Vorzugstrasse des geplanten Radschnellwegs von Hamburg nach Bad Bramstedt noch einmal zu überdenken. „Ich werde beantragen, als Vorzugstrasse für den Radschnellweg, die westliche Variante zu beschließen, nachdem ich gesehen habe, dass auch in Wohngebieten gute Radwege und sichere Kreuzungen gebaut werden können.“
„Auch wenn es nicht einfach sein wird, Segeberg zu einer Rad-Region weiter zu entwickeln: Wir müssen das Rad wirklich nicht neu erfinden: die Niederlande zeigen uns, wie Städte und Dörfer radfahrfreundlich umgestaltet werden können,“ resümierte Ludwig Reese, Radverkehrsbeiratsmitglied aus Wiemersdorf.

Wesentliche Aspekte des niederländischen Verkehrssicherheitskonzeptes

- Geschwindigkeitsreduzierung (Tempo 30) auf den allermeisten innerstädtischen Straßen,
- breite Fahrradwege (möglichst kreuzungsfrei, mit Tunnel- und Brückenbauwerken) oder
- Fahrradstraßen (wo Fahrräder Vorrang haben und Autos nur „Gäste“ sind), breite Gehwege,
- gesicherte Querungen und Kreuzungen (mit Ampelvorrangschaltungen für RadfahrerInnen),
- Reduzierung von Zufahrtsmöglichkeiten mit dem Auto in die Stadtzentren,
- Erhöhung der Parkgebühren und Reduzierung der Verkehrsflächen für Autos.

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