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Informationsabend im Kreishaus am 7. Februar

Stiftung will Menschen helfen, die in der Psychiatrie gelitten haben

von gelieferte Meldung

Katja Lohmeier (li.) und Christel Müller laden zu einem Informationabend ein, der sich an Menschen richtet, die früher in psychiatrischen Einrichtungen misshandelt wurden.

Bad Segeberg (em). Die Gebäude waren baufällig, eng und schäbig. Schikane, Erniedrigungen und Gewalt standen fast über­all auf der Tagesordnung. Die Bewohner wurden mit Dachlatten, Drahtbürsten und Bügeleisen geschlagen; sie wurden an Haaren und Ohren gezogen und beschimpft – von Mitarbeitern, aber auch von eigentlich Gleichgesinnten: Jahrzehntelang wurden Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe beziehungsweise der Psychiatrie untergebracht. Dort sollten sie – abgeschottet von der „Normalgesellschaft“ – leben, lernen, arbeiten und sterben. Vielfach entwickelten sich diese Einrichtungen zu Orten der Vernachlässigung, Demütigung und Angst. Die Folgen wirken bei den meisten bis heute nach. Hier setzt die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ an. Sie arbeitet die Leids- und Unrechtserfahrungen nicht nur wissenschaftlich auf, sondern unterstützt Betroffene auch finanziell. Eine kostenfreie Informationsveranstaltung dazu findet am Mittwoch, 7. Februar, um 16 Uhr im Kreistagssitzungssaal der Kreisverwaltung in Bad Segeberg statt (Hamburger Straße 30).
Die Stiftung möchte Menschen erreichen, die als Kinder oder Jugendliche in der Zeit von 1949 bis 1975 (in der Bundesrepublik) beziehungsweise von 1949 bis 1990 (in der DDR) in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe Leid und Unrecht erfahren haben. „Diese Geschehnisse können ganz unterschiedliche Ausprägungen haben“, sagt Christel Müller vom Betreuungsverein Kreis Segeberg. In Berichten ist beispielsweise von Zwangsfütterungen die Rede, bei denen Kindern ihr Erbrochenes wieder eingeflößt wurde; andere wurden tagelang in dunkle Kammern eingesperrt, in Zwangsjacken gesteckt oder mit einem Ledergurt ­auf der Toilettenschüssel festgebunden. Die Gewalt war körperlicher, sexueller und psychischer Art. Noch heute leiden viele der damaligen Bewohner unter ihren Verletzungen. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, haben nie gelernt, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern und manche werden regelmäßig von Panikattacken heimgesucht.
Katja Lohmeier, Leiterin des Fachdienstes „Betreuungsbehörde“ bei der Kreisverwaltung, geht davon aus, dass auch im Kreis Segeberg Menschen leben, die in jungen Jahren misshandelt und gedemütigt worden sind – entweder in einer der Einrichtungen, die es damals in der Region gab, oder anderswo in der Bundesrepublik oder der DDR.
„Unser Hauptproblem ist es, Betroffene zu erreichen“, sagt Chris­tel Müller. Viele wüssten gar nicht, dass es die Stiftung gibt, wieder andere seien selbst möglicherweise gar nicht in der Lage, über das Leid zu sprechen, das ihnen widerfahren ist. „Deswegen möchten wir vor allem auch Betreuer und Angehörige ansprechen.“ Allein der Verdacht, dass einem Menschen im genannten Zeitraum Unrecht zuteil geworden sein könnte, genüge bereits, um Kontakt mit der Stiftung aufzunehmen. Der bürokratische Aufwand sei äußerst gering, sagt Katja Lohmeier, die sich wünscht, dass möglichst viele Menschen Unterstützung von der Stiftung erhalten.
Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Kreis Segeberg und dem Betreuungsverein Kreis Segeberg organisiert. Es wird dabei unter anderem um Fragen gehen wie: Was leistet die Stiftung? Wer kann sich anmelden? Welche Einrichtungen sind gemeint? Wie sieht die Unterstützung konkret aus? Referentin ist Britta Tölch vom Landesamt für soziale Dienste in Schleswig-Holstein, zu dem die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ gehört.

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