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Not macht erfinderisch: Mundschutz einfach selbst genäht

von Gerald Henseler

Aus Mangel an Mundschutz hat sich Ramona Groth aus Nahe an ihre Nähmaschine gesetzt und für ihr familiäres Umfeld selbst genäht. Fotos: privat

Nahe/Itzstedt/Wahlstedt (kf). Über kein Thema wird derzeit so viel diskutiert wie über das Corona-Virus. Weit verbreitet ist die Angst, sich mit Covid-19 zu infizieren. Vor allem ältere und durch Vorerkrankungen geschwächte Menschen müssten besonders geschützt werden. Darum wird das Robert-Koch-Institut auch nicht müde, uns immer wieder an die  wichtigsten Regeln zu erinnern. Zwei Meter Abstand halten, in die Armbeuge husten oder niesen und regelmäßig die Hände gründlich zu waschen und sich so wenig wie möglich ins Gesicht zu fassen. So vermeiden wir eine Übertragung des Virus auf die Schleimhäute in Mund, Nase und Augen, die per Tröpfcheninfektion passiert.

Zum Schutz vor Covid-19 einen Mundschutz tragen sei nicht nötig, hieß es anfänglich. In anderen Ländern gehört es durchaus zum gelebten Alltag, sich einen Mundschutz umzubinden. Spätestens mit der Einführung der Mundschutzpflicht beim Einkaufen in Österreich sind auch bei uns in Deutschland die Diskussionen über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahme wieder ein Thema. Das Problem, es stehen schon jetzt nicht ausreichend Masken oder Mundschutz zur Verfügung, so dass sich Kranken- und Pflegepersonal aber auch Physiotherapie-Praxen mit dem Mangel konfrontiert sehen.

Dazu äußerte sich Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts in einer Pressekonferenz wie folgt: Man müsse zwischen Masken und Mund-Nasen-Schutz unterscheiden. Die Masken, die Viren abhalten, sollten zum Schutz für das Krankenhauspersonal und Ärzte sowie Arztpraxen vorbehalten sein. Mit einem Mundschutz schützt man beim Husten und Niesen sein Gegenüber und verhindert die Tröpfcheninfektion. Es sei aber kein absoluter Virenschutz vor Corona.

In der Praxis für Physiotherapie Michael Wagner in Wahlstedt kommen die Therapeuten bei Kopf- und Nackenbehandlungen ihren Kunden sehr nah. Bei der Kieferbehandlung greift Michael Wagner sogar in den Mundraum. Um Therapeuten und Mitarbeiter aber auch die Kunden zu schützen, wollte Angelika Wagner für die Praxis Masken oder Mundschutz anschaffen. „Es ist aber nirgends etwas zu bekommen“, beklagt sie.

Darum nähte die gelernte Schneiderin für die Mitarbeiter der Praxis eigenen Mund-Nasen-Schutz. Eine entsprechende Anleitung fand sie im Internet unter Zeit Online. „Das Video war kurz und knackig“, sagt sie. „Ich habe elastische Stoffe von einer alten Hose und T-Shirt Jersey für den Innenstoff gewählt und zum besseren unterscheiden auch noch farblich variiert“, erklärt Angelika Wagner. Durch atmen und sprechen wird die Maske auch feucht. Hier legen sich die Therapeuten atmungsaktive Slipeinlagen in eine Tascheneinlage, die sie dann austauschen können. Abweichend vom Video kann man auch noch einen Ein-Zentimeter breiten Streifen nähen, in den ein Draht geschoben werden kann. So schließt der Schutz an der Nase besser ab. Jeder Mitarbeiter bekam gleich mehrere Exemplare, denn natürlich muss der Mund-Nasen-Schutz täglich gewaschen und bei 250 Grad gebügelt werden.

Auch bei der Nähgruppe, die sich sonst wöchentlich im Dörpshus Nahe trifft, nähen die Teilnehmer zuhause fleißig solchen Mund-Nasen-Schutz. Ramona Groth aus Nahe hat schon mehr als 20 Stück produziert. Im Internet ist sie der Anleitung von Anna einfach nähen gefolgt, nachdem ein Arzt in einem Fernsehbeitrag veranschaulicht hat, dass über den Mundstrom schon beim Sprechen Feuchtigkeit in die Atemluft abgegeben wird und darin auch Viren enthalten sind. „Wenn alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen, minimiert sich die Verteilung der Viren“, ist sie sich sicher. Die Firma, in der ihr Ehemann arbeitet, überdenkt, ob alle Mitarbeiter einen Mundschutz bei der Arbeit tragen sollen, denn bei der Montage am Fließband kämen sich diese zum Teil sehr nahe. Doch auch hier ist Mundschutz ja leider Mangelware und derzeit nicht erhältlich. Das ist umso fataler, weil die Tochter ihre Ausbildung in einem Alten-und Pflegeheim absolviert und sie es nicht verantworten wollen, dass ihre Tochter das Virus dorthin überträgt. Also wurde das private Umfeld und einige Arbeitskollegen mit dem Mund-Nasen-Schutz Marke Eigenbau benäht. Ein dreilagiger kochfester Stoff und kochfestes Gummiband sind dabei in Sachen Hygiene sehr wichtig. Am Ende heiß bügeln und alles ist keimfrei. Auch Ramona Groth hat einen Basteldraht im Nasenbereich hinzugefügt. Circa 30 Minuten näht sie an einem Mundschutz.

Ihre Nähgruppen-Kollegin Jasmin Urban aus Itzstedt macht es ähnlich. Ihr Mann leidet unter Asthma. Um ihn und andere Menschen mit erhöhtem Risiko zu schützen, tragt sie beim Einkaufen Mundschutz. Auch ihre kostenlose Vorlage stammt aus dem Internet, allerdings von Nähfrosch. Zusammengenäht hat dieser Mund-Nasen-Schutz die Form einer Stoffmaske mit einer mittigen Naht über dem Nasenrücken. „Das sitzt dann besser“, findet sie. Ihren Bedarfs-Mundschutz näht Jasmin Urban aus einem Baumwollstoff, auf den sie ein dünnes Vlies bügelt und mit einem Moltonstoff für den Innenbereich versieht. Sie bevorzugt Gummibänder, die über den gesamten Hinterkopf verlaufen. Die Schlaufen hinter dem Ohr findet sie nicht so angenehm. Die Nachfrage nach dem Mundschutz ist auch in ihrem Umfeld groß.

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