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Nachgedacht: Kolumne von Inge Schlüchter

Marmeladen-Weisheit

von Inge Schlüter

Inge Schlüter

Es gibt Leute, die halten Weisheit für etwas, was lediglich sehr betagten Menschen, querdenkenden Philosophen oder dem Dalai Lama zugesprochen werden kann. Ich bin überzeugt, dass wir die Messlatte viel tiefer ansetzen dürfen. Denn wie jüngst aus einer Unterhaltung hervorging, scheint sogar das Marmeladekochen imstande, ein Stück Lebenserfahrung – und Weisheit beruht auf Lebenserfahrungen – zu vermitteln.
Irgendwann wird aus Erdbeeren in der heimischen Küche eine leckere, nicht übersüßte Marmelade gekocht. Welch‘ Gaumenfreude für die ganze Familie. Sogar Freunde und Nachbarn lecken sich die Finger nach dem lustvoll zubereiteten, von künstlichen Zusatzstoffen befreiten Brotaufstrich. Dabei spielt es keine Rolle, dass dafür tage- oder gar wochenlang die Küche vom gekochten Obst und Gelierzucker klebrig erscheint, andere Dinge unerledigt liegen bleiben und die Marmeladengläser meterweise Regale füllen, die aneinandergereiht eine Strecke vom Segeberger Kalkberg bis zum Nordpol ergeben würden. Es spielt wirklich keine Rolle, denn Marmeladekochen erfüllt und bereichert.
Auch im darauffolgenden Jahr wiederholt man die Prozedur mit gleicher Leidenschaft. Und im Jahr darauf wieder. Und wieder. Inzwischen ist das Marmeladekochen zu einem festen, jährlichen Ritual geworden. Vom leidenschaftlichen Beginn zum immer wiederkehrenden Ritual – ein schleichender Prozess.
Dass sich ständig wiederholende Rituale etwas Schlechtes sind, glaube ich nicht. Aber mir scheint, dass sie unter Umständen nicht nur Regalflächen – wie beim Marmeladekochen –, sondern auch Freiraum für Neues, für Entfaltung oder Weiterentwicklung rauben können. Freiraum kann Platz, Zeit und Kraft bedeuten.
Und genau hier kann meiner Meinung nach Weisheit durch Marmelade entstehen: Jeder hat jederzeit die Möglichkeit, eine Tür zu schließen. Jeder entscheidet für sich, ob an Muster – auch wenn sie guttun – festgehalten oder ob Freiraum für Neues geschaffen werden soll. Im Vertrauen auf das Sprichwort: Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere.
Deswegen gibt es bei der weisen Marmeladenköchin nun keine Marmelade mehr, sondern bemalte Möbel. In meinem Fall bedeutet es das bewusste Schließen dieser „Kolumnen-Tür“. Glücklich über das Gewesene – mit Freude im JETZT und HIER – neugierig auf das Kommende! Gewogene Grüße und einen DANK an das Team von Basses Blatt, sowie an die Leserinnen und Leser meiner Kolumnen.

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