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Erste-Hilfe-Maßnahme

Leben retten zum Rhythmus von Helene Fischer

Stephanie Liedtke, Oberärztin in der Klinik für Anästhesie und Notärztin in der Allgemeinen Klinik der Segeberger Kliniken

Jeder muss es lernen, wenn er den Führerschein macht, aber viele haben Angst, dass sie irgendwann in die Lage kommen, ihr Wissen auch anzuwenden. Zum Beispiel bei der Fahrt in den Urlaub kann es passieren. Ein Mann mit Helm liegt auf der Straße, das Motorrad im Graben, der mit ihm kollidierte Wagen daneben. Der Fahrer im Schockzustand, der Motorradfahrer noch ansprechbar, aber unfähig, sich zu bewegen. Oder sie sitzen schon am Urlaubsort im Strandkorb und vor ihren Augen wird ein Schwimmer von einem Motorboot erfasst. Das Wasser färbt sich rot…

Was ist nun zu tun?
Natürlich ist es schon nicht verkehrt, wenn Sie geistesgegenwertig Ihr Handy zücken und Hilfe anwählen. Aber das ist in solchen Fällen nicht genug: „Der größte Fehler ist es, untätig zu bleiben. Ist jemand reanimationspflichtig, kann auch der Laie nicht mehr viel falsch machen“, erklärt Stephanie Liedtke, Oberärztin in der Klinik für Anästhesie und Notärztin in der Allgemeinen Klinik der Segeberger Kliniken. Sie weiß um die  Angst, die jeden Laien bewegt, der als erster an einen Notfallort kommt, doch sie beruhigt: „Ich habe in meiner langjährigen Tätigkeit in der Notfallmedizin bisher keinen Fall erlebt, bei dem die Erste-Hilfe-Maßnahme einen Patienten gefährdet hätten. Vielmehr hätten aber mehrere Patienten gerettet werden können, wenn nach dem Notruf der Mut für Maßnahmen vorhanden gewesen wäre.“ Selbst bei der Wiederbelebung steige die Überlebenschance erheblich, wenn man nur die Herz-Druck-Massage ohne Mund-zu-Mund-Beatmung durchführe. Eine Beatmung durch Laien sei nicht notwendig, weil der Patient zunächst noch genug Sauerstoffreserve habe, meint die Ärztin.

Jede Sekunde zählt
Dabei kann man sich sogar strafbar machen, wenn man nicht hilft. Unterlassene Hilfeleistung wird mit einer Geldbuße oder mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet. Doch es gibt kaum jemanden, der teilnahmslos an Unfallschauplätzen vorbeirauscht. Viel mehr besteht bei den meisten eine tiefe Unsicherheit, etwas falsch zu machen. Einem verletzten Unbekannten zu helfen erfordert Mut. Doch mangelnde Sicherheit in Erster Hilfe lassen es häufig daran hapern.

Effektiv und einfach
Dabei kann man schon mit drei einfachen Maßnahmen Leben retten. Zunächst wäre die Unfallstelle abzusichern. Dafür bringt man das Warndreieck so in Position, dass für den nachfolgenden Verkehr keine Gefahr eines weiteren Unfalls besteht. Dann der Griff zum Handy und Alarmieren des Rettungsdienstes und schließlich Beruhigen des Unfallopfers durch Zuspruch und Trost. Blutstillung bei Verletzungen und wenn eine Wiederbelebung notwendig ist, den Brustkorb mindestens 100 bis 120 mal pro Minute 5-6 Zentimeter tief komprimieren. „Mit einem 100er Beat pro Minute hält man die genaue Schlagzahl ein. „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer oder „Staying Alive“ von den BeeGees haben einen 100er Beat. Also Summen hilft“, sagt die 47-Jährige und lacht.

Die Hälfte der Notfallopfer in Europa stirbt in den ersten fünf Minuten nach einem Unfall. In solch zeitsensible Kategorie fallen Schwerstverletzte bei Verkehrsunfällen und Menschen mit Atem- oder Herzstillstand bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daher ist es so wichtig, dass Erste Hilfe möglichst früh erfolgt. Das Wichtigste dabei für die Ersthelfer: Ruhe bewahren, umsichtig sein, den Verletzten trösten und ermutigen, die Notrufnummer 110 (Polizei) oder 112 (Notarzt, Feuerwehr) wählen. Dabei sollte man im Gespräch auf die fünf Ws achten: Wo ist es passiert? Was ist passiert? Wie viele Verletzte? Welche Art von Verletzungen? Warten auf Rückfragen. Der Notruf wird immer durch die Rettungsleitstelle beendet. „Damit ist man für die Leitstelle schon eine ganz große Hilfe“, versichert Liedtke.

Digitale Hilfe
Wer eine Aversion gegen Erste-Hilfe-Kurse hegt, kann auch auf kostenlose Apps zurückgreifen. Diese digitalen Hilfen geben Hinweise, was im Falle des Falles zu tun ist und lotsen einen durch die ersten Schritte. Denn es kommt gar nicht immer auf den Schwerverletzten an. Es ist insbesondere die ohnmächtige Person im Supermarkt oder der Schwindelanfall eines älteren Menschen an der Bushaltestelle, wo Hilfe gefragt ist.    Robert Quentin

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