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Die Rosa-Hellblau-Problematik

von Inge Schlüter

Inge Schlüter

Kennen Sie die Rosa-Hellblau-Problematik? Damit ist keine Farbfehlsichtigkeit gemeint, wie die sogenannte Rot-Grün-Blindheit, von der bedeutend mehr Männer betroffen sind als Frauen, sondern die Geschlechtszuordnung nach Farben: Rosa gleich Mädchen und Hellblau gleich Junge.
Man sollte meinen, dass in Zeiten, in denen Erwachsene immer mehr die Geschlechterklischees überwinden, auch Unternehmen und Konzerne die Stereotypisierung als erledigt betrachten.
Tatsächlich aber betreiben Unternehmen mit ihren Produkten eine zunehmende, äußerst hart­näckige Geschlechterzuordnung – bevorzugt bei Spielwaren, Baby- und Kleinkindbekleidungen und immer öfter auch bei Lebensmittelverpackungen. Ursache ist, dass sich geschlechtsspezifische Produkte besser verkaufen als neutrale. Folglich wird die Weitergabe eines Produktes unter Geschwistern erschwert, wenn es sich um Schwester und Bruder handelt. Das wiederum führt zum Neukauf.
Die Anzahl der Produkte steigt, jedoch nicht die Auswahl. Geschickt gemacht – Applaus Applaus!
Kann man es den Unternehmen verübeln, dass sie mehr an ihrem Umsatz interessiert sind als am Aufheben einengender, absurder und teilweise diskriminierender Geschlechtertrennungen?
Trotz Widerstandes in der Gesellschaft, wie ihn zum Beispiel „Pinkstinks“ leistet, scheinen geschlechtsneutrale Produkte Mangelware zu sein. Vom Schnuller, über Spielzeug bis hin zum Schulranzen – fast immer werden wir konfrontiert mit zwei Stereotypen: Der tatkräftige, heldenhafte, blaugefärbte Nachwuchs-Ingenieur mit Schwert inmitten aktiver Betätigungsfelder, wie Polizei, Feuerwehr, Raumfahrt, Bauarbeit oder Hochleistungssport und die auf das Streicheln, Kämmen und Schminken reduzierte, vom Feenstaub umgebene, Pferde liebende, rosagetränkte Prinzessin mit Handmixer bewaffnet.
Steckt hinter dieser einseitigen und beschränkten Darstellung Gehirnwäsche oder tatsächlich eine Interessenvertretung unserer Jüngsten?
Eine Benachteiligung besteht meiner Meinung nach in höherem Maße für die Jungen. Denn längst sind Fußball spielende, von Dinosauriern begeisterte und Latzhosen tragende Mädchen gesellschaftstauglich – aber wie sieht es mit Jungen im Prinzessinnenkos­tüm aus, deren Lieblingsfarbe Rosa ist und die einfach mal ein Einhorn streicheln möchten?
Meiner Überzeugung nach kann die Rosa-Hellblau-Problematik eine wirklich freie Wesens- und Interessenentfaltung mancher Kinder behindern. Sie sorgt dafür, dass eben erwähnte Jungen unser Gesellschaftsbild nicht bereichern können, ohne dass Kind und Eltern geringschätzende, lächerlich machende, verletzende Kommentare oder Blicke aus dem Umfeld zu erwarten haben. Schade eigentlich!

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