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Kolumne

Die Bühnen des Lebens

von Inge Schlüter

Inge Schlüter

Fast jeder kennt das: Da sitzt man im Kino und merkt, dass der gewählte Film nicht den Erwartungen entspricht; oder man besucht einen Vortrag, der langweiliger ist, als vermutet; oder man hat bei der Wahl eines Restaurants einfach mal danebengegriffen. So kann es sein – so ist das Leben! Dem Gefühl, im „falschen Film“ zu sein, kann man in den besagten Fällen leicht entkommen: Kino, Vortrag oder Restaurant verlassen und raus -– dahin, wo man sich wohlfühlt!
Was ist aber, wenn gerade das Leben um einem herum das Gefühl aufkommen lässt, im „falschen Film“ zu sein? Wo dann hin?
Was ist, wenn Menschen körperlich zwar zusammenrücken, weil sie sich zum Beispiel auf Weihnachtsmärkten kollektiv durch die Gänge schieben, aber im Grunde ihres Herzens sich Nachdenklichkeit, Unverständnis, Sehnsucht und manchmal auch Einsamkeit in ihnen breit machen? Sich einsam fühlen in Menschenmengen, die auf der Bühne des Lebens ihre Rollen gut zu spielen scheinen: Modetrends hinterhereilen, Geld verdienen, Wohlstand demonstrieren, Fassaden aufrecht erhalten, schön und erfolgreich wirken, Besitz maximieren, „en vogue“ sein und Gesellschaftsnormen entsprechen. Mir scheint, dass das Gefühl von Sehnsucht und Einsamkeit verstärkt wird, wenn Menschen spüren, dass diese große Bühne des Lebens nicht die ist, die sie wirklich glücklich macht. Und ich bilde mir ein, dass besonders die Vorweihnachtszeit dazu einlädt, sich mit alltäglichen Absurditäten kritisch auseinanderzusetzen: Was hat das alles mit mir selbst zu tun? Wieviel aus dem übersättigenden Angebot brauche ich wirklich für mich? Was ist Herzensangelegenheit – was Hamsterrad?
Es scheint einfach und bequem, auf der großen Bühne des Lebens seinen Platz einzunehmen. Es erfordert Mut und wahrscheinlich auch ab und zu eben erwähnte Einsamkeit, seine eigene – kleiner erscheinende – Bühne zu betreten.
Ich vermute, dass die eigene Bühne vielmehr Zufriedenheit und Erfüllung bringen kann und dass es nur die eigene Bühne sein sollte, auf der man hinausgeht, wenn man wieder mal einen Kinofilm, einen Vortrag oder ein Res­taurant...

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