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Unternehmer und Steuerberater kritisieren Corona-Hilfen

Das lange Warten auf die schnellen Hilfen

von Gerald Henseler

Der Wahlstedter Steuerberater Alexander Köhn betreut viele kleine Unternehmer. Einige von ihnen warten seit Monaten auf Hilfeleistungen, andere fallen komplett durch das Raster. Foto: ohe

Wahlstedt (ohe). Schnelle Zuschüsse für jeden Corona-Monat. so überschreibt das Bundesfinanzministerium seine Info-Grafik zu den  Überbrückungshilfen für Unternehmen. Wenn Steuerberater Alexander Köhn aus Wahlstedt so etwas liest, dann schüttelt er nur mit dem Kopf. Täglich rufen Unternehmer und Kleinselbstständige bei ihm an und bitten um Hilfe bei der Antragsstellung für November-, Dezember- und Überbrückungshilfen. „Die meisten sind sauer und fühlen sich blank weg verarscht“, gibt Köhn die Verärgerung seiner Klienten wieder.

Schon früh im November hat er die ersten Anträge gestellt. Den ersten Bescheid über die Bewilligung eine Billigkeitsleistung (so die  Bezeichnung) ging gerade bei ihm ein. Von einer vollständigen Auszahlung weiß Köhn noch nichts. In den meisten Fällen gab es nur Abschlagszahlungen. „Das dauert einfach zu lange“, sagt der Steuerberater. Die Politker haben dazu auch ganz andere Versprechungen gemacht.

Hohe
Zugangshürden

Für viele Kleinunternehmen seien die Zugangshürden zu hoch, meint Köhn. Wenn betriebswirtschaftliche Auswertungen angefordert werden und diese erst noch erstellt werden müssen, lohnt sich der Aufwand für die Antragsteller in der Regel nicht. Wie die meisten seiner Kollegen rechnet Köhn bei der Antragstellung auf Stundenbasis ab. Die Anträge auf November- und Dezemberhilfen seien vergleichsweise einfach, sagt Köhn In etwa einer Stunde könnten diese online gestellt werden. Dann hängt es von den Nachfragen ab, ob es dabei bleibt. Ohne die kommt es aber selten zu einem Bewilligungsbescheid. Alexander Köhn stellt die Anträge für seine Klienten nachts. „In der Mittagszeit ist das Online-Portal total überlastet. Da hat man höchstens am Freitag eine Chance“, schildert der Steuerberater seine Erfahrung.

Anspruch auf November- und Dezemberhilfen und somit auf bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vergleichsmonats im Vorjahr haben nur Unternehmen, die von den Schließungen ab 2. November betroffen sind. Andere, wie zum Beispiel Friseure, können nur Überbrückungshilfen beantragen. Und die beziehen sich nur auf die Fixkosten. Gerade Kleinstbetrieben fehlt dann das Unternehmergehalt. Für manche bleibt nur die Möglichkeit, Hartz IV zu beantragen. „Die meisten Unternehmer würden sich jedoch eher erhängen bevor sie Sozialleistungen beantragen.“, glaubt Alexander Köhn.

Die Hilfen scheinen Alexander Köhn unfair verteilt zu werden. So weiß er von einem Großhandelsunternehmen, das Gastronomiebetriebe mit Fleisch beliefert. Bei einem Monatsumsatz von 100.000 Euro hat das Unternehmen einen Förderanspruch in Höhe von 75.000 Euro in den Monaten November und Dezember. „Das ist mehr als der Gewinn im Vorjahr“, glaubt Köhn.

Existenzängste
wachsen

Köhn spürt, dass die Existenzängste vieler Unternehmer aus der Region größer werden. „Für viele Unternehmer ist die Firma die Altersvorsorge. Nicht alle haben in die Versorgungskasse eingezahlt“, weiß Köhn.

Der Steuerberater befürchtet, dass ein großer Teil der ausgezahlten Hilfen bei nachträglichen Überbrüfungen zurückgefordert wird. So ergeht es gerade einem seiner Klienten aus der Gastronomie. Der Gastwirt hatte im Rahmen der Soforthilfe im Frühjahr 2020 9.000 Euro erhalten. Jetzt soll er 3.000 Euro zurückzahlen, weil er seinen Koch für den Außer-Haus-Verkauf weiter beschäftigt hatte.

Komplett vergessen worden seien Soloselbstständige wie Staubsaugervertreter, sagt Köhn. Da Hausbesuche derzeit kaum möglich sind, fallen deren Umsätze nahezu komplett weg. Bei den Überbrückungshilfen haben sie nur einen Anspruch auf einen Teil ihrer meist sehr geringen Fixkosten.

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