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Als die Schwestern noch Hauben trugen

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In der Ausbildung zur Krankenschwester trugen die jungen Frauen die traditionelle Tracht der DRK-Schwesternschaft.

Bad Segeberg (em). Wiedersehen nach 40 Jahren als Schülerinnen in der Ausbildung zur Krankenschwester. Neben viel Nostalgie beurteilen die Frauen auch heute Arbeit und Ausbildung.
Als Helga Jaacks im April 1976 ihre Ausbildung zur Krankenschwester beginnt, hat sie Jeans und Sweatshirt gegen ein graues Kleid mit weißer Schürze getauscht. Die traditionelle Tracht der DRK Schwesternschaft Ostpreußen ist die nächsten Jahre ihre Uniform. Hinzu kommt eine blaue Variante für besondere Anlässe. Drei Jahre später wird sie diese für die Examensprüfung tragen. „Wir hatten damit gar kein Problem“, erzählt sie, während sie in einem alten Fotobuch blättert. „Erst nach vier Wochen Unterricht haben wir wieder unsere normalen Klamotten getragen. Das war damals so.“
Gemeinsam mit sechs Frauen und einem Mann sitzt Jaacks im Patientenrestaurant der Allgemeinen Klinik. Damals vor 43 Jahren war man gemeinsam in die Ausbildung gestartet. Heute feiert man 40 Jahre Examen, stöbert in alten Erinnerungen und schmunzelt über alte Fotos. Manchmal entsteht lautes Lachen. Denn damals, in den 70er Jahren, war im Krankenhaus vieles anders als heute. Alle Mädchen wohnten im angegliederten Schulwohnheim. Und man wurde gesiezt. „Nicht nur das“, sagt Regine Gilgen. „Sogar wer mit seinem unverheirateten Partner im Krankenhaus arbeitete, musste dort auch untereinander beim Sie bleiben.“ Helga Jaacks wurde als jüngste besonders behutsam behandelt. „Abends musste ich mich immer bei meiner Unterrichtsschwester abmelden. Auch Zimmerkontrollen, wie beim Militär, waren damals für uns eine Selbstverständlichkeit.“
Jaacks sowie Heidrun Zielke und Christiane Schröder arbeiten noch heute in der Allgemeinen Klinik. Regina Gilgen ist dem Haus immer noch als Stellvertretende Oberin der DRK Schwesternschaft Ostpreußen eng verbunden und betreut die 17 Mitglieder in der Allgemeinen Klinik. Ulrike Bogdanski stand den jungen Schwestern als Ausbilderin zur Verfügung und leitet heute die Aufnahme. Auch sie ist Mitglied in der Schwesternschaft.
Die Ausbildung an der Krankenschwesternschule in Bad Segeberg fand damals da statt, wo heute gegenüber dem AVZ ein Fahrradständer steht. Während 1.600 Theoriestunden wurden die Schwestern auf den Beruf vorbereitet. Der Praxisteil war eher learning by doing. „Man wurde als junge angehende Schwester einfach in den normalen Betrieb eingegliedert. Das führte natürlich auch zu unangenehmen Situationen, mit denen man durchaus schon mal überfordert war“, erzählt Gilgen. Damals wurde mehr gepflegt, die Mahlzeiten morgens und abends vorbereitet, bei Nachtwachen war man manchmal allein. „Die Ausbildung war sicherlich nicht so organisiert wie heute, aber für das, was wir leisten sollten, fühlten wir uns gut vorbereitet“, sagt Heidrun Zielke. Insbesondere beim Stichwort Menschlichkeit horchen die Frauen auf. Wenn sie es mit heute vergleichen, dann ist der Aspekt der Zugewandtheit zu den Patienten aus ihrer Sicht deutlich anders geworden. „Es wurde viel Wert auf Ethik und Moral gelegt. Es war mehr ein ,wir‘ statt ein ,ich‘. Davon haben die Patienten profitiert“, erklärt Gilgen. Allerdings war auch das Gefühl von Machtlosigkeit durch die Grenzen der Medizin, wie sie damals beispielsweise bei Krebsbehandlungen bestand, gravierender und ließen die Schwestern häufig ratlos und traurig zurück. Prägende Erlebnisse, wie alle bestätigen.
Die Examensprüfung war damals eine Überraschung. Vor Beginn wusste niemand, was in der Praxisprüfung abgefragt wird. „Die Prüfer kamen auf Station, schickten uns in eine Pflegesituation, die wir dann vorbereiten, erklären und durchführen mussten. Da konnte man auch schon mal daneben liegen“, erzählt Jaacks. In der Theorieprüfung wurde ein Pflegebericht, eine Klausur und die mündliche Prüfung benotet. War man examiniert, wuchs sofort die allgemeine Wertschätzung, nun war man auf Augenhöhe. „Als Schülerin galt man damals nicht viel. Aus heutiger Sicht undenkbar“, meint Zielke.
Es war natürlich nicht alles Gold, da ist sich die Kaffeerunde einig. Wie heute mit den Schülern umgegangen wird, die umfangreiche Ausbildung, die reduzierte Hierarchie, das sind Errungenschaften, die alle sehr begrüßen. „Um wieder mehr Menschen für die Pflege zu gewinnen, muss die Gesellschaft sich entscheiden, was ihr Pflege wert ist. Dabei geht es um Anerkennung, Wertschätzung und Geld“, meint Gilgen. Da sei die neue Bezeichnung Pflegefachmann (m/w/d) ab 2020 nicht sehr hilfreich. „Wir können viel mehr als nur pflegen. Der Name unterschlägt das. Pflege ist nur ein Teil unserer Arbeit. Da haben einige wohl nicht nachgedacht“, findet Jaacks. Und die Patienten könnten nicht immer den Pflegehelfer von dem Pflegefachmann unterscheiden. Aber trotzdem bleibe es ein sinnnstiftender Beruf – bei allen Schwierigkeiten.

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